Durch die zahlreichen „Neu“erscheinungen im Bereich analoger Synthesizer scheint oftmals die Sicht auf die Entwickler verstellt, die sich bemühen „alternative“ Klangerzeugungen und Instrumente nicht nur zu entwickeln, sondern auch auf den Markt zu bringen. Gerade letzteres scheint nicht immer einfach zu sein…

Einer dem beides geglückt ist, hat sich freundlicherweise bereit erklärt uns für ein Interview zur Verfügung zu stehen – Stephan Schmitt, Gründer von Native Instruments und Nonlinear Labs, sowie Mastermind des C15.

Sie fragen sich gerade „uns“? Dieses Interview erscheint – quasi back/back – auch auf Amazona.de und hier im Blog.

Noch ein Hinweis bevor es losgeht: Wenn Sie während des Lesens C15 Klangbeispiele hören wollen, so scrollen Sie bitte ans Ende des Interviews und betätigen Sie den orangefarbenen Play Button. Es erwarten Sie etwas mehr als 24min an Audiobeispielen.

Ich wünsche Ihnen nun viel Vergnügen beim Lesen!

Interview Stephan Schmitt – Nonlinear Labs

Stephan Schmitt – Nonlinear Labs [Mit freundlicher Genehmigung © Peter Grandl]

Hallo Stephan! Zunächst einmal vielen Dank, dass Du uns für dieses Interview zur Verfügung stehst. Lass uns vielleicht gleich mit Nonlinear Labs beginnen. Was war Dein Antrieb nach Native Instruments (NI) mit Nonlinear Labs (NL) eine neue Firma zu gründen?

Stephan:
Die Produkte von Native Instruments werden in erster Linie in der digitalen Musikproduktion und im DJ-Bereich eingesetzt. Sie integrieren sich gut mit den gängigen Sequencern und Loop-orientierten Tools. Meine persönliche Leidenschaft galt aber immer auch der live gespielten Musik und den nicht-elektronischen Musikstilen.

Um die Erfahrungen in der Entwicklung digitaler Klangerzeuger auch in Instrumente für performende Musiker umzusetzen, war NI nicht die ideale Umgebung. Deshalb habe ich mich entschlossen, Nonlinear Labs zu gründen. Mit einer kleinen Firma kann man auch Produktkonzepte für kleinere Zielmärkte umsetzen.

Nonlinear Labs C15 Base-Unit und Panel-Unit

Der C15 ist das erste Instrument, das dieser Idee folgt und eine Weiterentwicklung des NI Kontour Software Synthesizers ist. Ohne an dieser Stelle detailliert auf die Unterscheide einzugehen [Anmerkung – dazu siehe bitte gesonderte Information am Ende des Interviews], warum habt ihr die Synthese-Engine in diese Richtung weiter entwickelt?

Stephan:
Die Synthese-Engine des C15 hat eine längere Vorgeschichte. Für NI hatte ich schon die Reaktor-Instrumente Spark, Cha-Osc, Prism und Skanner entwickelt. Als wir dann bei NL mit dem C15 begannen, entwickelte ich seine Klangerzeugung auch in Reaktor unter dem Arbeitstitel „Phase 22“. Die Kollegen von NI fragten, ob man daraus nicht auch ein Software-Instrument machen könnte. Ich habe mich auf einen Lizenz-Deal eingelassen und das Ergebnis bekam den Namen „Kontour“.

Um die Ansprüche der typischen NI-Kunden zu erfüllen, bekam Kontour vier flexible Modulations-Generatoren. Diese hat der C15 nicht, da wir die Klangbeeinflussung konsequent dem Musiker überlassen. Dafür haben wir viele Aspekte der Synthese, der Effekte und der Steuerung weiterentwickelt. Die Erfahrungen mit Kontour waren dabei sehr nützlich, und auch die Ergebnisse des von NI beauftragten Sounddesigns konnten wir weiter verwenden.

Wenngleich der MIDI CC 15 „undefined“ ist, vermute ich steht „C15“ nicht dafür?

Stephan:
Für den Namen gibt es zwei Herleitungen. Die erste: Wir wollten einen nüchternen Typen-Namen wie „DX-7“. Das „C“ stand anfangs für ein Tasteninstrument wie in „Clavichord“ oder „Clavinet“. In der „15“ steckt das Jahr 2015 der Fertigstellung der ersten seriennahen Prototypen.

Aber inzwischen gefällt mir folgende Interpretation besser: „C14“ (eigentlich steht die Zahl hoch vor dem Buchstaben) ist ein radioaktives Isotop des Elements Kohlenstoff (Carbon). Es zerfällt mit einer Halbwertszeit von 5730 Jahren und wird daher in der Archäologie für die Altersbestimmung von organischen Materialien herangezogen. „C15“ ist ein Kohlenstoff-Isotop, das in ca. 2,5 Sekunden auf die halbe Menge zerfällt. Das ist vergleichbar mit einem Piano-Envelope. (https://en.wikipedia.org/wiki/Isotopes_of_carbon)

Kohlenstoff ist die Basis für alle organischen Substanzen und natürlich auch Holz. Da unser C15 sehr organisch klingen kann und Holz eine große Rolle spielt, finde ich den Namen ganz passend.

MIDI freie Zone: C15 Base-Unit auf einem Vintage Vibe 73

Lass mich nochmals auf MIDI zu sprechen kommen, da es im Zusammenhang mit dem C15 offenbar am intensivsten diskutiert wird. Konkret das Fehlen der MIDI Schnittstelle. Gibt es neben Deiner persönlichen Entscheidung, die Du in anderen Interviews schon dargelegt hast, auch technische Gründe?

Stephan:
Im C15 werden die Anschlags- und Release-Velocities der Tasten und die Bewegungen von Pedalen, Ribbons, Bender und Aftertouch in hoher Auflösung erfasst und verarbeitet (mit mehr als 4000 Steps anstelle der 127 Steps in MIDI). Bei einer externen MIDI-Anbindung hätten wir sie also in eine gröbere Auflösung übersetzen müssen. Man hätte auch exotischere Formate wie NRPNs und CC #88 als High Resolution Velocity Prefix nutzen können, wobei dann aber in Frage stünde, ob die angeschlossene MIDI-Hardware oder -Software damit auch etwas anfangen kann. Übrigens ist auch die Art, wie wir das kontinuierliche Sustainpedal interpretieren, nicht kompatibel mit der in MIDI vorgesehenen Sustain-Funktion.

Mir schien es nicht attraktiv, Entwicklungs-Aufwand in schlechte MIDI-Kompromisse zu stecken und dabei noch eine „Büchse der Pandora“ zu öffnen, weil dann mit Sicherheit Anpassungen an verschiedenste Umgebungen gefordert würden.

C15 – Zwei Ribbon Controller

Wie sieht es generell im C15 bezüglich Geschwindigkeit und Auflösung, z. B. der Controller und mit der Tastaturdatenverarbeitung aus?

Stephan:
Wie oben schon erwähnt, ist die interne Auflösung 32x höher als in MIDI. Als Abtastrate für die analogen Controller haben wir 80 Hz gewählt, für die Tastatur sind es 8000 Hz.

Wenngleich ich ab und zu die Möglichkeiten die MIDI bietet vermisse, bin ich der Ansicht, dass die Entscheidung eines Herstellers zu respektieren ist, zumal es hier neben den technischen die schon erwähnten persönlichen Gründe gibt. Lass mich Dich aber dennoch fragen – hast Du die Entscheidung MIDI im C15 nicht zu implementieren schon jemals bereut?

Stephan:
Nein, es erscheint mir immer noch eine konsequente und notwendige Entscheidung, die auch im Kreis der potentiellen Kunden mehr und mehr verstanden wird. Viele Produzenten elektronischer Musik haben übrigens auch wenig Lust auf MIDI. Sie samplen lieber eine Phrase, bearbeiten den Audio-Clip weiter und montieren ihn in das Arrangement. Auf diese Art „schaffen sie Tatsachen“ und kommen mit der Arbeit voran, während man mit dem Getüftel im MIDI-Editor vielleicht nie fertig wird.

Interessant finde ich, dass anderen Bereichen des C15 nicht annähernd so viel  Aufmerksamkeit zuteil wird. So liest man wenig über die Flexibilität der Klangerzeugung und das Thema Klangformung findet generell wenig Erwähnung….

Stephan:
Naja, wenn sich z.B. auf einer Messe jemand an das Instrument setzt, der ein bisschen spielen kann, dann steht er nicht selten mit leuchtenden Augen auf, nachdem er einen kleinen Eindruck vom klanglichen Potential und der Spielbarkeit bekommen hat.

Die Klangbildung findet beim C15 eigentlich beim Spielen statt und das bringt mich zu Deiner Empfehlung beim Kauf des C15 zusätzlich drei Pedale mit zu erwerben. Mir ist aufgefallen, dass z.B. mein Yamaha Pedal in der Verarbeitung den Roland EV-5s deutlich überlegen, aber bei der Steuerung im selben Mass unterlegen ist. Gibt es von NL Empfehlungen für Pedale anderer Hersteller?

Stephan:
Im Moment empfehlen wir die Roland EV-5 und DP-10 und liefern sie auch oft mit. Wir müssen aber noch einmal eine gründlichere Untersuchung an Pedalen verschiedener Hersteller durchführen, um fundiertere Empfehlungen aussprechen zu können. Es kann auch sein, dass wir eines Tages einmal eigene Pedale anbieten.

Denkt ihr daran die Zahl der Macro Controls, von denen es aktuell vier an der Zahl gibt, zu erhöhen? Mir sind vier zu wenig, zumal man mit den vier Anschlussmöglichkeiten für die erwähnten Pedale, zwei Ribbon Controllern, Aftertouch und dem Pitch Stick aktuell acht Eingriffsmöglichkeiten hat.

Stephan:
Mir sind die vier Macro Controls inzwischen auch zu wenig. Deshalb planen wir, ihre Zahl in einem zukünftigen größeren Software-Update auf sechs zu erhöhen. Das wäre dann ein Update, wo wir auch die Folien auf den Frontplatten austauschen.

Mit einem der nächsten Updates soll es sechs anstelle der aktuell vier Macro Controls geben

Um gleich bei dem Thema zukünftige Entwicklungen zu bleiben, plant ihr in Zukunft andere Controller zu integrieren, bzw. den C15 auch mit anderen Tastaturen anzubieten?

Stephan:
Es gibt noch keine sehr konkreten Pläne für weitere Controller-Elemente. Ich kann mir aber z.B. etwas Joystick-artiges vorstellen.

Zuerst einmal wollen wir aus der vorhandenen Hardware noch mehr herausholen. Das ist mir besonders bei der Tastatur ein Anliegen. Wir haben schon einiges an Forschung hineingesteckt, um sie mit Sensoren auszustatten, die kontinuierlich erfassen, wie tief jede Taste gerade gedrückt ist. Damit würden sich neue Ausdrucksmöglichkeiten ergeben wie z.B. das weiche Einblenden von Noten, oder Modulationen ähnlich zu polyphonem Aftertouch.

Kollege psv-ddv hat im Zuge einer Diskussion auf Amazona bzgl. polyphonem Aftertouch zurecht auf die spieltechnische Herausforderung hingewiesen und die Möglichkeit einer Implementation von Last Note Aftertoch angedeutet. Wird seitens NL an diese Implementation gedacht, bzw. erwägt ihr andere Lösungsansätze?

Stephan:
Wir bauen die Audio-Engine gerade so um, dass noten-selektive Modulationen für Aftertouch, Pitchbending oder Pedale möglich werden. Neben „Last note“ sind auch „highest note“, „lowest note“, „pressed keys“ oder Splitbereiche interessant.

C15 Synth Engine

Denkt ihr dann daran in Zukunft Hardware Upgrademöglichkeiten anzubieten? 

Stephan:
Jeder Kunde wird die Möglichkeit bekommen, seine Hardware auf den jeweils neuesten Stand zu bringen. Für die Kunden der ersten Serien werden damit auch keine Kosten verbunden sein. Uns ist es wichtig, mit dem C15 ein nachhaltiges Produkt zu bauen, das nicht nur repariert sondern auch aufgerüstet werden kann.

Sehr schön zu sehen, dass der mittlerweile fast inflationär verwendete Begriff der Nachhaltigkeit hier auch wirklich in die Tat umgesetzt wird. Lass mich da nochmals auf die eingangs von Dir erwähnte Bedeutung des Holzes zurückkommen. Wie sieht es mit den Holzsorten für das Gehäuse aus, werdet ihr Alternativen anbieten?

Stephan:
Mit der Entscheidung, einen großen Teil des Instruments aus massivem Holz herzustellen, stellt sich die Frage nach der Wahl des Holzes ja schon. Wir haben bisher Buche und Birne im Einsatz. Die Buche gibt es in drei Lackierungen: transparent, leicht getönt und mit schwarzer Lasur. Letztere ist, seit wir sie auf der Musikmesse gezeigt haben, sehr nachgefragt. Da müssen wir erst einmal nachbestellen.

Über die Sorte und Lackierung des Holzes gibt es also eine gewisse Individualisierung. Vielleicht können wir eines Tages noch eine größere Auswahl anbieten.

C15 mit schwarzer Lasur [© Nonlinear Labs]

Die Synth-Engine des C15 ist meines Erachtens extrem flexibel und ergiebig. Was mich lange Zeit erstaunt hat ist, dass einem die Komplexität gut verborgen bleibt, da man sehr schnell und einfach zu guten Ergebnissen kommt. Die Eingriffsmöglichkeiten tragen dazu bestimmt ihren Teil bei, das mag aber auch dem Umstand geschuldet sein, dass nicht jeder abrufbare Parameter moduliert werden kann und somit eine gewisse Übersichtlichkeit im Kleinen gewahrt bleibt. Diesbezüglich habe ich aber dennoch den einen oder anderen Wunsch, wie z.B. die Möglichkeit mittels Velocity auf Parameter direkt einzuwirken, oder z.B. negatives Keytracking um z.B. im Falle des Chorus Parameters in der Reverb Engine entsprechend modulieren zu können. Man könnte so z.B. in den tiefen Lagen einen gespielten Akkord „verbreitern“ in der oberen Lage bei der Melodie- oder Sololinie einen sauberen und durchsetzungsfähigen Klang bewahren.

Stephan:
Die Synth-Engine unterliegt weiterhin einem Evolutions-Prozess. Deshalb bin ich immer auch für Anregungen dankbar. Wir werden versuchen, die klanglichen Möglichkeiten zu erweitern, ohne die Übersichtlichkeit dafür zu opfern.

Um hier von den Details vielleicht zu einem übergeordneten Ganzen zu kommen, kannst Du uns Einblick in weitere zukünftige Entwicklungen des C15s auf Softwareebene gewähren?

Stephan:
Einige kommende Erweiterungen habe ich ja bereits erwähnt. Wichtige Themen sind zur Zeit Dual-Mode und Morphing. Damit wird das Splitting und Layering von Gruppen von Stimmen und ihre Belegung mit zwei Presets möglich, übrigens auch das Routing von Signalen zwischen den Gruppen. Das Morphing erlaubt nahtlose Übergänge zwischen zwei Presets, gesteuert durch Controller, Velocity oder Key Position. Viele Software-Themen betreffen aber auch eine Weiterentwicklung der Bedienoberfläche.

Mit der Bedienoberfläche hast Du ein gutes Stichwort geliefert. Wie schon erwähnt, ist die Komplexität über weite Strecken nicht augenscheinlich, was mitunter auch dem spielerischen Zugang geschuldet ist, dennoch ist sie vorhanden. Offensichtlich wird sie meines Erachtens dann, wenn man z.B. die Rückkopplungsmöglichkeiten, ja selbst die Lautstärkeverhältnisse erfassen will. Plant ihr hier vielleicht mittels WiFi eine alternative Darstellung, die eine Übersicht ermöglicht?

Stephan:
In der graphischen Bedienoberfläche sind noch viele Möglichkeiten ungenutzt. Wir denken an die graphische Darstellung des Signalflusses, der Envelopes, der Filter-Frequenzgänge, der Wellenformen, Shaperkurven oder Spektren. Auch Echtzeit-Pegelanzeigen machen viel Sinn.

Welche Rolle wird die Bedienung des C15s via WiFi generell in Zukunft spielen?

Stephan:
Das haptische Hardware-Userinterface wird immer einen hohen Stellenwert behalten. Deshalb werden wir nicht zu viel auf die graphische Oberfläche verlagern. Aber für Visualisierungen und für administrative Aufgaben ist sie natürlich besonders prädestiniert.

Wie sieht es mit anderen Synth-Engines aus? Habt ihr da schon Pläne, die Du mit uns teilen kannst?

Stephan:
In der Schublade liegen einige Entwürfe. Wir werden uns noch einmal stärker mit Physical Modeling beschäftigen, aber es sind auch additive und modale Ansätze dabei, eine eigenständige Methode zur Erzeugung von Oszillator-Wellenformen oder auch eine Farfisa-artige Klangerzeugung.

Da liegt es nahe zu fragen was genau Dir vorschwebt und wenn es in Richtung Orgel gehen sollte, wie es dann mit dem weit bekannteren Orgel Klassiker aussieht?

Stephan:
An den Klassikern bin ich ja grundsätzlich nicht so interessiert. Es gibt genug Firmen, die sich darum kümmern. Eine Sinus-Zugriegel-Orgel nachzubauen oder einen Farfisa-Klon zu entwickeln fände ich langweilig.

Angeregt von alten Videos mit Can und ihrem Keyboarder Irmin Schmidt, der seine Farfisas durch jede Menge Effekte schickte, habe ich stattdessen einmal überlegt, was man heutzutage mit einer Bank von Rechteck-Oszillatoren und Oktav-Teilern anstellen könnte, zum Beispiel in Verbindung mit Velocity und mit Envelopes und Filtern, die prinzipbedingt nicht pro Stimme sondern global wirken. Damit entsteht ein Instrument mit sehr eigenem Charakter, das auch eine spezielle Spielweise erfordert.

Ganz besonders interessiert mich aber das Thema Physical Modeling, war es doch einer der letzten grossen Würfe, der ganz besonders auf die Interaktion des Musikers mit dem Instrument gebaut hat und vermutlich deshalb durch Virtual Analog verdrängt wurde, das wiederum dem „Original“ Platz machen musste. Aus meiner Sicht, schön zu sehen, dass es einen Hersteller gibt, der zumindest über dieses Thema nochmals nachdenkt. In welche Richtung wird das bei Nonlinear Labs gehen?

Stephan:
Die Renaissance der analogen Synthese wundert mich auch immer wieder. Mit digitalen Bausteinen ergeben sich so viele interessante Möglichkeiten, die noch viel zu wenig genutzt werden.

Zum Begriff „Physical Modeling“ eine Vorbemerkung: Er bezeichnet eine Gruppe von Synthese-Verfahren, die vom Verhalten akustischer Instrumente inspiriert ist. Dabei wird versucht, die physikalischen Vorgänge der Anregung, der Enstehung von Schwingungen und komplexer Wechselwirkungen digital nachzubilden.

Den Versuch, akustische Instrumente möglichst vollständig zu simulieren, halte ich aber nicht für besonders sinnvoll. Gerade wenn man es mit einem Keyboard-Instrument als Spiel-Oberfläche zu tun hat, wird man immer auch enttäuscht sein, denn ein großer Teil des Charakters eines akustischen Instrument entsteht dadurch, wie der Musiker damit interagiert. Wenn er z.B. die Saiten der Gitarre berührt, ist das so eine komplexe Physik und ein so direkter körperlicher Einfluss, das lässt sich nicht auf andere Interfaces übertragen.

Den Wettlauf um den höchsten Realismus, den es ja auch bei Sample-basierten Klangerzeugern gibt, werde ich also nicht mitmachen. Es lohnt sich aber, mit Komponenten, die auch im Physical Modeling genutzt werden, zu experimentieren, um digitalen Instrumenten ein möglichst ausdrucksstarkes Verhalten zu geben. Wir reden von Excitern, Resonatoren, nichtlinearen Komponenten und Signalwegen, wie sie auch zum Teil schon im C15 zu finden sind. Wenn der akustische Realismus kein Dogma ist, kann man sie auch gut mit typisch „elektronischen“ Komponenten wie Oszillatoren und Filtern kombinieren.

Als Vorarbeit für eine zukünftige C15-Sound-Engine ist vor einiger Zeit eine Struktur mit mehreren gekoppelten (delay-basierten) Kammfiltern entstanden. Sie erscheint mir vielversprechend, erfordert aber noch eine weitere Entwicklung.

Wer Native Instruments‘ „Prism“ kennt, weiss, dass ich mich auch mit der modalen Synthese schon auseinandergesetzt habe. Dabei verwendet man eine größere Zahl von schmalbandigen 2-Pol-Filtern als Resonatoren. An diese Erfahrungen werden wir bei Nonlinear Labs in Zukunft wieder anknüpfen.

Eine Kombination aus beiden Ansätzen, also aus Delays und Bandfiltern, ist auch spannend. Ein Kollege experimentiert gerade mit einer entsprechenden Matrix als möglichem Kern für einen Perkussions-Synthesizer.

Da wir ein kleines Team sind, das mit dem C15 ein komplexes Produkt in vielen Aspekten weiterentwickelt, sind neue Sound-Engines nicht sehr kurzfristig zu erwarten. Vielleicht können wir aber im nächsten Jahr auf diesem Gebiet etwas anbieten.

Wir dürfen nicht zum Ende dieses Interviews kommen, ohne euren Kundenservice und euer Verkaufsmodell angesprochen zu haben. Zu ersterem möchte ich mich äussern und dieses als Beispielhaft beschreiben. Kurze Reaktionszeiten, kurze Wege… da könnte sich so manch anderer Hersteller, bis hin zu Händlern, eine dicke Scheibe abschneiden. Euer Vertriebskonzept – alles direkt zu machen – ist schlüssig und zeugt davon dem Kunden nahe zu sein. Das aus ganz unterschiedlichen Gründen. Aber nun zu eurem Verkaufsmodell, das ebenfalls nicht alltäglich ist und um dessen Erläuterung ich Dich ersuche….

Stephan:
Wir wollen, dass Kunden mit ganz verschiedenen Budgets den C15 spielen können und dass ihr finanzielles Risiko gering bleibt. Deshalb haben wir ein flexibles Mietkauf-Modell entwickelt. Man kann ein Instrument mit Teilzahlungen schon ab 2 % pro Monat nutzen und dann in selbst gewähltem Tempo zum Eigentümer werden. Dabei fallen keine Zinsen an.

Man kann das Instrument aber auch jederzeit wieder zurückschicken. Wir erstatten dann den Teil der Zahlungen zurück, der über der Summe der Mindestraten von 2 % pro Monat liegt. Das gilt auch für die Rückgabe bereits vollständig bezahlter Instrumente. Rückläufer werden aufbereitet und zu reduzierten Preisen angeboten, worin wir auch einen Beitrag zur Nachhaltigkeit sehen.

Ich weiss, dass ich Deine Zeit schon Übermass in Anspruch genommen habe. Mir fielen noch eine ganze Menge anderer Fragen ein, wie z.B. ob es Pläne für Entwicklungen unabhängig vom C15 gibt.. aber das würde wohl zu weit führen. Ich möchte mich an dieser Stelle ganz herzlich bei Dir bedanken und wünsche Dir und Nonlinear Labs alles Gute sowie viel Erfolg für die Zukunft.

C15 Klangbeispiele:

C15 vs Kontour:

  • High resolution (thousands of steps) for velocity, hardware controls and parameters.
  • Each of the Macro Controls can address more than 80 parameters.
  • Flexible mapping of the eight physical modulation sources (bender, aftertouch, 4 pedals, 2 ribbons) to the four Macro Controls.
  • The Oscillators got the Fluctuation feature providing a large variety of noise and random signals.
  • Control over the Phase offsets of the Oscillators.
  • The new Chirp filter allows to control the bandwidth of the phase modulation.
  • The Feedback Mixer got its own shaper for improved control of the feedback behaviour.
  • The Feedback paths can be controlled by Envelope C.
  • The Envelopes got adjustable Attack Curves.
  • The Decay 1 segment of the Envelopes can work like a static „hold“ segment.
  • Envelope C gets more flexible, can have a bipolar shape and has more destinations.
  • The delay of the Comb Filter can be modulated by the Oscillators (similar to phase modulation).
  • The State Variable Filter has been re-designed to be more effective and flexible in band-pass and band-reject modes.
  • Stereo Pan for the Oscillators and Filters in the Output Mixer.
  • Adjustable key tracking for Stereo Pan of voices.
  • Adjustable Stereo spreading of Unison voices.
  •  The Cabinet now supports stereo processing.
  • The Gap Filter now also works as an 8-pole bandpass filter and offers adjustable resonances.
  • The Flanger extended by a 4-pole Allpass for phaser-like response.
  • The Flanger can be controlled by a key-triggered envelope.
  • More control over the stereo processing of Flanger and Echo.
  • The Reverb is now based on a new algorithm with a high quality and smooth transitions between different Sizes.

Mein Dank geht an Kollegen psv-ddv und Peter Grandl von Amazona.de.