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Manikin Memotron – Mellotron der Neuzeit?

24. Mai 2014 - Erfahrungsbericht, Taste
Manikin Memotron – Mellotron der Neuzeit?

Das Mellotron zählt zu den Instrumenten, das sich seit Jahrzehnten einer treuen Fangemeinde gewiss sein kann. Darüber hinaus kann es als gutes Beispiel dafür dienen, dass nicht technisch perfekt sein muss, was gut klingt.

Als ich das erste Mal von Manikins Memotron hörte, war mein erster Gedanke ein respektvolles „Mutig!“. Ausgerechnet in Zeiten in denen Musikprodukte primär gratis zu sein haben, auf Knopfdruck aber den Millionen bringenden Nummer 1 Chart Erfolg liefern sollen – was bei einer wachsenden Zahl an illegalen Downloads nicht einer gewissen Komik entbehrt – bringt der in Berlin ansässige Hersteller einen kompromisslosen Spezialisten in Form eines Tasteninstruments auf den Markt – das Memotron.

Manikin Memotron

Manikin Memotron – Das Mellotron der Neuzeit?

Bevor wir uns dem Memotron widmen, einige Worte zu seinem Vorbild, dem Mellotron. Die zugrundeliegende Idee stammte von Harry Chamberlin, der Anfang der Fünfziger Jahre des letzten Jahrhunderts, in den USA begann die ersten nach ihm benannten Instrumente zu bauen. Seine Idee war denkbar einfach. Per Tastendruck wird ein Tonband abgespielt, das nach Loslassen der Taste, mittels Feder wieder in die Ausgangsposition zurück gebracht wird. Die Länge der Tonbänder bestimmte die maximale Dauer, die auf acht Sekunden begrenzt ist. Um das klangliche Angebot zu erhöhen, wurde eine Tonbandbreite gewählt, die die Aufzeichnung von drei neben einander liegenden Tonspuren ermöglichte. Durch Verschiebung des Tonkopfes wurde bestimmt welche der drei Tonspuren zu hören war.

Einem seiner Handelsvertreter hatte es Harry Chamberlin zu verdanken, dass seine Idee nach England gebracht wurde. Die daraus resultierenden Komplikationen würden den Rahmen dieses Testberichts bei weitem sprengen,  daher sei an dieser Stelle zusammengefasst fesgehalten, dass in Birmingham der Sechziger Jahre das nunmehr als „Mellotron“ bezeichnete Instrument gebaut wurde. Diese Bezeichnung ist in Musikerkreisen die gebräuchliste, ein Umstand dem ich mit der Verwendung der Bezeichnung „Mellotron“ Rechnung tragen will.

Das Mellotron wurde zunächst zur Vertonung von Schwarzweiss Filmen herangezogen, mit Fortdauer erfreute es sich jedoch einer kontinuierlich wachsenden Fangemeinde unter Musikern. Dazu zählten die Beatles, man denke z.B. an das melancholisch anmutende Flöten Intro zu „Strawberry Fields Forever“, genauso wie die Rolling Stones, vor allem aber King Crimson, Genesis, Moody Blues, Pink Floyd, Yes u.v.a.m.

Manikin Memotron

Manikin Memotron – Bedienelemente

In unseren Breiten waren es vor allem Tangerine Dream und Klaus Schulze, die in den Siebziger Jahren reichlich Gebrauch vom Mellotron machten. Dazu aber später mehr, wenn es um die Sound Collections gehen wird.

In den 80er Jahren und dem Aufkommen der Sampler fand das Mellotron weniger Beachtung und viele Instrumente wechselten in dieser Zeit ihren Besitzer. Doch irgendetwas muss dem Klang des Mellotrons anhaften, da es sich in den Neunziger Jahren beginnend einer bis heute anhaltenden Renaissance erfreut. Einmal für die Klänge sensibilisiert, stellt man erstaunt fest in wie vielen Produktionen dieser Tage sie eingesetzt werden. Erstaunlich umso mehr, da einige davon alles andere als technisch „perfekt“ sind. Aber vielleicht ist es gerade diese Eigenschaft, die das Mellotron derart interessant macht.

Hat das Original auf Tonbändern aufgezeichnete Klänge mechanischer Instrumente abgespielt, so greift das Memotron nun wiederum auf diese Aufzeichnungen zurück. Digitalisiert stehen sie, einem Sample Player gleich, im Memotron zur Verfügung. Irgendwie kann ich mir an dieser Stelle einen kleinen Schmunzler nur schwer verkneifen. Doch genug davon, nun gilt die Konzentration voll und ganz dem Memotron.


Einer der wohl bekanntesten Mellotron Klänge „3 Violins“. In diesem Beispiel sind mehrere Varianten zu hören [Rhodes = Yamaha CP1].

Der erste Eindruck ist ein sehr guter. Das Memotron wird vorzugsweise in einem weissen Holzgehäuse, hinsichtlich seiner Form Anleihen bei seiner berühmten Vorlage nehmend, geliefert. Auf Wunsch gibt es dieses auch in schwarz oder anthrazit. Unser Testexemplar ist in einem wunderschönen, schwarz lackierten Gehäuse eingehüllt. Wem Design nur ein Runzeln auf die Stirn zaubert, möge diese Passage bitte nun überspringen. Für mich zählt das Memotron mit zu den schönsten Instrumenten und das Design bekommt konsequenterweise hier die Höchstpunktezahl. Es bereitet schlichtweg Freude dieses Instrument zu spielen und nicht auf ein reines Werkzeug zu reduzieren. Über Geschmack lässt sich bekanntlich nicht streiten, ebenso wenig über die gediegene Verarbeitung des Memotrons.

Auf der linken Seite, neben der 35 Tasten zählenden Waterfall Tastatur, finden sich die Bedienelemente, zu denen fünf Drehregler, ein Druckknopf und ein Kippschalter zählen. Mit den Drehreglern lassen sich die Lautstärke (Volume), die Klangfarbe (Tone, entspricht einem 12dB/Oktave Tiefpass-Filter), die Tonhöhe (Pitch) sowie das Überblenden der geladenen Klänge (A – B – C) steuern.

Ein weiteres Mal links, nun aber vom Display aus betrachtet, findet sich mit dem Data Entry Regler der fünfte Drehregler im Bunde. Dieser besitzt eine zusätzliche „Klick-Funtkion“, die, ebenso wie der daneben befindliche und mit „ESC“ gekennzeichnete Druckknopf, zur Navigation in den unterschiedlichen Menüs dient. Fehlt nur mehr der Kippschalter, mit dem die Abspielgeschwindigkeit der Klänge halbiert wird (HALF SPEED). Erwartungsgemäß führt die Halbierung der „Geschwindigkeit“ zu Klängen, die vor allem Freunden dunklerer Klänge die eine oder andere Freude bereiten dürfte.

Manikin Memotron

Manikin Memotron – Soundnachschub gibt es via CD-ROMs

Wie schon erwähnt gibt die Verarbeitung keinerlei Anlass zur Kritik. Wo im Falle anderer Instrumente schon einmal Drehregler wackeln, oder zumindest nicht den vertrauenswürdigsten Eindruck hinterlassen, gibt es im Falle des Memotrons keinen Grund zur Kritik. Der „Pitch“ Drehregler rastet übrigens in der Mittenposition ein, was Sinn macht. Ungewöhnlicherweise wurde für diese Position allerdings dasselbe Symbol verwendet wie für die Transponierung um -3 Halbtöne. Nun, damit lässt sich mit Bestimmtheit leben.  Ebenso mit den 12kg Gesamtgewicht, wenn es darum geht das Memotron an die (mehr oder weniger) frische Luft zu bringen. Allerdings würde ich Livemusikern in diesem Fall vom schwarzen Lackmodell abraten.

Kommen wir zur Rückseite und somit zu den Anschlüssen:

Wieder auf der Vorderseite angelangt, findet sich unterhalb der Bedienelemente der CD Schacht. Klänge lassen sich somit entweder per CD oder CF Karte in das Memotron laden. Selbiges gilt für Updates des Betriebssystems. So sicher die ins Gehäuse komplett versenkte CF Karte ist, so selten wird so in Musikerkreisen verwendet. Hier hätte vermutlich ein USB Anschluss ein mehr an Flexibilität gebracht.

Memotron Anschlüsse

Manikin Memotron – Auf der Rückseite befinden sich der Memory Card Slot sowie der Kopfhörerausgang, das Stereo Ausgangspaar, ein Regler für die Helligkeit des stets gut lesbaren Displays und das MIDI Trio.

In den 13 Sekunden, die zwischen Einschalten und Abschliessen des Startprozederes liegen, hat das Memotron das aktuelle Betriebssystem (v1.3) geladen. Ab diesem Moment harrt das RAM der Ladung klanglichen Materials. Das ist der Zeitpunkt, um die im Lieferumfang enthaltene „Vintage Collection“ CD-ROM zu laden. Die darauf befindlichen Klänge, von denen der eine oder andere durchaus als „Klassiker“ zu bezeichnen ist, werden wie folgt in das Memotron geladen. Zunächst wird mit dem „DATA“ Regler der Cursor auf „Sound Settings“ bewegt und anschließend durch drücken des „DATA“ Reglers die nächste Menü Ebene erreicht. In dieser lässt sich dann einer der drei mit A, B, und C bezeichneten „Empty Tracks“ auswählen. Wird nun auf „Empty Track“ geklickt kann man zunächst das Speichermedium (CD-ROM oder CF Karte) auswählen und einen Sound, zB die von Moody Blues bis hin zu OMD verwendeten „3 Violins“, laden. Im Falle der beiden anderen Tracks könnte man so z.B. „Flutes“ in Track „B“ und den „GENESIS 8 Choir“ in Track „C“ laden. Die Ladezeit pro Klang beträgt im Schnitt etwa 10s.

Mit dem „A B C“ gekennzeichneten Drehregler lässt sich von Sound A nach B und von B nach C überblenden. Dies simuliert die Trackauswahl durch Verschieben der Tonköpfe im Original. Eine Kombination der in den Tracks A und C befindlichen Klänge ist folgerichtig nicht möglich.


Nicht minder ein Klassiker unter den Mellotronklängen – Flutes.

Jeder der Sounds lässt sich 35-stimmig polyphon spielen. Die Länge der Sounds ist dabei auf maximal etwa acht Sekunden beschränkt. Die Sounds sind – zum Glück – nicht geloopt und zeichnen sich auch sonst durch diverse für das Mellotron typische Eigenheiten aus. Lautstärkenunterschiede, Tonhöhenschwankungen, Nebengeräusche, Clicks, etc… sonst verpönt, hier sind sie gewollt. So kurios das jetzt klingen mag, hier hat sich jemand sehr bemüht dem Original weitestgehend gerecht zu werden und die perfekte Mischung aus Authentizität und gutem Klang zu finden. Dieser jemand heisst Klaus Hoffmann-Hoock, seines Zeichens Mellotron Fachmann, der neben mehreren Originalinstrumenten auch auf eine stattliche Zahl an Original Bandrahmen zurückgreifen kann. Auf ihn werde ich gegen Ende des Testberichts nochmals zu sprechen kommen werden. Bei den Klängen steht Authentizität zweifelsfrei im Vordergrund und das ist gut so.

Kommen wir nun zu den Parametern des Memotrons. Die rudimentäre Hüllkurve, ermöglicht es den jeweiligen Klang (Track) in seinem Einschwing- und Ausklingverhalten anzupassen. Weiters lassen sich Lautstärke und Position im Stereopanorama pro Klang bestimmen. Im Zuge der Aufnahmen für diesen Testbericht, bin ich im Falle der Hüllkurven allerdings weit öfters als erwartet, wieder bei den Originaleinstellungen gelandet.

Manikin Memotron recht petermmah

Manikin Memotron – Zeitlos schönes Design

Das 12dB Tiefpassfilter (TONE) stellt eine willkommene funktionale Ergänzung dar. So lässt sich der Höhenanteil einfach und schnell dämpfen, was in dem einen oder anderen Fall dem „Retro-Charakter“ alles andere als abträglich ist. In dem Audiofile „Vintage Collection 4“ hören Sie zu Beginn wie sich das Öffnen des Filters im Falle des „09 Russian Chor“ auswirkt. Derart starke Eingriffe werden vermutlich eher die Ausnahme darstellen, da sie sich auf alle drei Klänge im gleichen Maße auswirken. In dem angesprochenen Audiofile wird auch die HALF SPEED Funktion verwendet. Soll die Tonhöhe hingegen um +/- 3 Halbtöne verändert werden, bedient man sich des PITCH Drehreglers, der ähnlich einem Pitchbend Wheel, eingesetzt werden kann.

Die internen Effekte seien an dieser Stelle der Vollständigkeit wegen kurz erwähnt. Im Live Einsatz mag der eine oder andere Effekt durchgehen, im Studio wird man Alternativen den Vorzug geben. In unseren Audiofiles kamen die internen Effekte nicht zum Einsatz.


Chöre

Hat man die drei Klänge (Tracks) geladen und die Parameter seinen Wünschen entsprechend eingestellt, drängt sich spätestens zu diesem Zeitpunkt die Frage nach der Sicherung des Geschaffenen auf. Mit dem Betriebssystem 1.3 ist es nun möglich einen sogenannten „Frame“ (Bandrahmen) zu speichern. Wie der Name schon erahnen lässt, werden hier nicht die Klänge selbst, sondern alle Einstellungen abgesichert. Das heisst, wenn Sie nach dem Einschalten des Memotrons nur den Frame, z.B. von einer CF Karte laden, die eigentlichen Tracks aber noch auf der CD-ROM und diese sich womöglich wiederum in der Hülle befindet… tja, dann bleibt das Memotron „ziemlich“ ruhig.

Es empfiehlt sich generell in eine Compact Flash Karte zu investieren. Aus derzeitiger Sicht sollten 2GB in jedem Fall ausreichend sein um alle verfügbaren Klang Bibliotheken, in Summe derzeit 1.42GB, zu sichern. Die Sicherung lässt sich denkbar einfach durchführen, indem Sie die CD-ROMs mit den „Sound Collections“ in das Laufwerk Ihres Computers geben und danach die Daten von der CD-ROM auf die Compact Flash Karte kopieren. Eine nennenswerte Verkürzung der Ladezeiten von der CF Karte konnte ich nicht feststellen, aber alleine die Tatsache, das sich alle Klänge nun auf einer CF Karte befinden und diese jederzeit samt den Frames kopiert und gesichert werden kann, hat das – wie es so schön heisst – Handling signifikant verbessert. Tracks aus verschiedenen Sound Collections miteinander zu kombinieren ist somit ohne Wechseln von CD-ROMs möglich.


In diesem Audiodemo geht es in Richtung „kirchlich“ [weitere Klänge aus der Vintage Collection]

Damit sind wir schon bei den Klang Bibliotheken selbst angelangt. Den sogennanten „Sound Collections“, für die Klaus Hoffmann-Hoock verantwortlich zeichnet. Bis dato sind sechs Klangbibliotheken erhältlich, eine siebente befindet sich zum Zeitpunkt des Schreibens dieses Testberichts in der finalen Phase. Später dazu mehr. Auf der Herstellerseite können Sie die Klänge aus allen Collections einzeln hören. Aus diesem Grund habe ich beschlossen, mich nur einigen Klängen zu widmen.


Und nochmals Streicher, dieses Mal das „String Orchestra“, mit unterschiedlichen Attack und Releasezeiten.

Sound Collections

Im Lieferumfang enthalten ist die „Vintage Collection“. In dieser finden sich einige der schon angesprochenen Sounds, wie die „3 Violins“, „Flute“ und der „GENESIS 8 Choir“, sowie „Brass B“, eine Kombination aus Posaune, Saxophon und Trompete. Schön mit den „3 Violins“ kombinieren lassen sich die „M300 Strings B2“, die für die Fülle sorgen. Beide sind im „Strings VC“ Audiofile zu hören. Zunächst einzeln, am Ende dann als Mix. Die „Church Organ“, der „Male Female Split Choir“ sowie das „Cello“ wurden in „Vintage Collection“ eingesetzt. Der „String Orchestra“ Track wurde heranzgezogen um den Einfluss der veränderten Attack- und Release Zeiten zu demonstrieren. „MkII 3 Violins“, „String Section (Viola)“ und „MkII Crimson 3 Violins“ vervollständigen diese Sammlung.

Wer den Klängen des Mellotrons einmal verfallen ist, will – wenig überraschend – mehr. Diesem Wunsch Rechnung tragend, folgt erwartungsgemäß die „Vintage Collection 2“. Diese Sammlung beinhaltet: 12 Violins, Hammond C3 (Slow Leslie), Male Oh-Choir Custom, MkII Vibes (with vibrato), Moog Brass, Orchestra, M400 Mandolin, Viola M300 Trombone, Clavinet D6, Eminent 310 Unique Strings 8’, Eminent 310 Unique Strings 4’. Vor allem die „Viola“ und die „MkII Vibes“ wussten besonders zu gefallen. Letztere können Sie im gleichnamigen Audiofile hören.

Sie ahnen was nun kommt? Korrekt! Die „Vintage Collection 3“, die im Vergleich zu den bisherigen Sammlungen mit Holz-, Blechblas- sowie Perkussionsinstrumenten aufwartet. Sie beschert dem Memotronspieler folgende Klänge: Bassoon, Clarinet, Tenor Saxophone, MkII Brass, MkI/II Piano, M300 Harpsichord, Glockenspiel, Vibraphone (no vibrato), Eminent 310 Equinoxe Strings, MkII Accordion Bass Notes, Moog Taurus Bass, MkII Rock Guitar und Roland Vocoder Plus Choir. Die Rockgitarre zählt für mich zu den wenigen Sounds, die mich nicht überzeugen. Den Vocoder Choir halte ich hingegen für eine nette Idee und Ergänzung zu den anderen Chorsounds.


Eher überraschend für mich, eine Roland Vocoder Klang

Mit der „Vintage Collection 4“ vervollständigt sich das Vintage Quartett. Dem Memotron Besitzer erhält folgende Klänge: New 3 Violins, Combined Brass, Logan String Melody II „Orchestra“, Jangle Piano, M300 Flute, Electric Piano Bass, Vox Super Continental Organ, M300 Leslie Organ, Russian Choir, Trombone, Trumpet und Sound Effects. Bei den zuletzt genannten Sound Effects kam es stellenweise zum „aha“ Erlebnis, hat man den einen oder anderen Sound doch mit einiger Bestimmtheit in einem anderen Kontext schon einmal gehört. Der „Russian Choir“ wurde im Audiofile „Vintage Collection 4“ verwendet, um die Wirkungsweise des Filters (TONE) zu demonstrieren. Der Schlussakkord dieses Klangs wird bis zum Ende der Aufnahme gespielt. Amüsant daran, nicht alle Sänger halten bis zu diesem Zeitpunkt durch. Generell wissen mir die Flöten, ob ihres leicht melancholischen Grundcharakters besonders zu gefallen, das Exemplar dieser Sammlung ist allerdings mein Favorit. Diese Entscheidung fällt bei den Streichern doch deutlich schwieriger. Alleine die „3 Violins“ gibt es in mehreren Varianten, wie Sie anhand des Audiofiles „3 Violins comparison“ selbst hören und miteinander vergleichen können. Hier hat man die Qual der Wahl.


Einige Klänge der Vintage Collection 4.

Bei der zusätzlich erhältlichen „Studio Collection“ dürften Freunde von Chorsounds auf ihre Rechnung kommen. Neben den 3 Violins, Church Organ, MkII (Hammond) Church Organ, GC 3 Brass, Paravini Solo Cello, Flute, Wurlitzer Electric Grand Piano und für Freunde des Progrocks Moog Taurus / MkII Violins + Brass, sind darauf GENESIS 8 Choir, Boys Choir, Female Choir und Male Choir zu finden.

Manikins Verbundenheit zur Musik der sogenannten „Berlin School“wird im Booklet zur gleichnamigen Klangbibliothek beschrieben. Für Freunde dieser Musik vermutlich wichtiger, ist der Umstand, dass Klaus Besitzer der Mellotrone von Edgar Froese und Klaus Schulze war und somit Zugriff auf die Originalklänge hat. Den Inhalt dieser Sammlung entnehmen Sie bitte dem Foto.

Doch damit nicht genug. Wie sich im Laufe einer Email Konversation mit Klaus herausstellen sollte, arbeitet Manikin an einer neuen Klangsammlung. Diese wird die Bezeichnung „Harry’s Best“ tragen. Klaus meinte dazu folgendes: „Freue dich besonders auf die fantastischen ‚3 Violins‘, die hier sowas von sauber und präsent klingen, dass man kaum glauben kann, dass sie Anfang der 50er Jahre aufgenommen wurden. Ferner gibt’s: Male Voice, 4 Saxes, Accordion, Bass Clarinet, Electric + Hawaiian Guitar, Muted Trombone, Piano (das erste gesampelte Klavier der Welt!), Sax, Vibes und zig abgedrehte Rhythmen aus dem allerersten bandbestückten „Drumcomputer“, dem CHAMBERLIN Rhythmate 35“.

Manikin Memotron

Resümee

Setzen wir gleich mit den Klängen fort, denen man eine sehr hohe Qualität und vor allem Eigenständigkeit bescheinigen muß. Das Kuriose dabei, die Qualität äußert sich unter anderem darin, dass Unzulänglichkeiten und Eigenheiten perfekt eingefangen wurden. Kleine Lautstärkenunterschiede, Nebengeräusche, Gleichlaufschwankungen, etc. – normalerweise verpönt – sind gewollt und sorgen für die nötige Authentizität. Sollte jemandem die derzeit gebotene Klangpalette allerdings nicht ausreichen, so besteht die Möglichkeit Klänge des GForce M-Tron zu importieren.

Nicht minder von Bedeutung, ist die Qualität der Klänge im Kontext. Wer kennt sie nicht, die Sounds die beeindrucken und dann im Mix anderen keinerlei Platz lassen, oder umgekehrt, einzeln perfekt klingen, im Mix jedoch völlig untergehen. Weder das eine, noch das andere, trifft im Falle des Memotrons zu. Seine Klänge finden auf leichte Weise ihren Platz im Arrangement ebenso wie im Mix. Starke Eingriffe werden hier wohl eher die Ausnahme bilden.

Kommen wir zum Instrument selbst. Wer den Computer als Musikproduktionstool nutzt wird wohl auf den ersten Blick ebenso wenig Begeisterung verspüren, wie Musiker, die ausschließlich Workstations den Vorzug geben. Wobei gerade im letzteren Fall die Klänge meistens mit einem Mellotron wenig bis nichts zu tun haben. Wer allerdings immer schon ein Mellotron sein Eigen nennen wollte, auf hervorragende Bedienbarkeit und ebensolche Verarbeitung wert legt, dem sei das Memotron uneingeschränkt empfohlen. Beginnend bei der Überblendung und Mischung der drei gleichtzeitig zur Verfügung stehenden Klänge, bis hin zum „Pitch Bending“ lässt sich gerade so viel verändern um dem puristischen Konzept treu zu bleiben. Unser aller liebstes Werkzeug, das Filter, verrichtet einen, wenn auch ungewohnten, guten Dienst. Die internen Effekte sind nicht mein Fall. Generell neige ich dazu, sie einzig als nicht in das ansonsten perfekt umgesetzte Konzept passend, zu erachten.

Dass es sich im Falle des Memotrons um einen digitalen Klangerzeuger, um nicht zu sagen „Sample Player“, handelt wird einem einzig beim Laden der Klänge von CD bewusst. Mit dem Kopieren aller Klänge auf die CF Karte kann man sich auch dieses Eindrucks entledigen. Es mag allerdings Kollegen geben, denen gerade diese Verfügbarkeit aller Klänge gar nicht so willkommen ist und die durch die Begrenztheit der Mittel den Fokus gerne in eine andere Richtung lenken.

Gut erhaltene Originale sind selten – von den dafür zu bezahlenden Preisen ganz zu schweigen. Bleibt als einziger vergleichbarer Konkurrent das ebenfalls erhältliche Mellotron M4000D, dessen Klänge ich auf der Musikmesse hören konnte. Preislich ist das Mellotron M4000D über dem Manikin Memotron anzusiedeln. Und damit sind wir auch schon beim Preis des Memotrons angelangt, der € 1.899.- für die Tastatur- und € 958.- für die Rackversion beträgt, die meines Erachtens aber nicht wirklich Sinn macht. Wer Wert auf hervorragende Mellotron Klänge, eine sehr gute Bedienung und eine ebensolche Verarbeitung legt, der wird gewillt sein diesen Betrag zu investieren und im Gegenzug einen entsprechenden, sehr guten Gegenwert erhalten.

Erstveröffentlichung auf petetmmahr.com  am 30. Oktober 2013 

 

 

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6 thoughts on “Manikin Memotron – Mellotron der Neuzeit?

Juergen

Hallo Peter,
interessanter Artikel! Ich durfte – es muss 1979 gewesen sein – selbst mal auf einem Originalinstrument spielen, das dem Studio Nord in Bremen gehörte. Ich erinnere mich noch an die Verzögerung zwischen Tastendruck und Sound durch die Mechanik. Man würde heute Latenz dazu sagen! Die Sounds haben wirklich heute noch einen eigenen Reiz. Ich besitze das Software-Mellotron von IK Multimedia; die Klänge kommen mir auch sehr authentisch vor, obwohl der Direktvergleich fehlt. Strawberry fields – and Mellotron – for ever!

Reply
petermmahr

Hallo Juergen,

Die Originale haben in der Tat einen eigenen Reiz. Ein Vergleich mit deren Tapes wäre sicher interessant gewesen, jedoch hatte und habe ich leider keinen Zugriff. Einer der Wenigen, der das in einer entsprechenden Qualität durchführen könnte, wäre Klaus.

Für mich haben die Klänge auch in ihrer digitalen Form das gewisse Etwas. Sie sind ebenso wie ihre Vorlagen nicht perfekt, aber vielleicht liegt genau darin der Reiz. In der Zwischenzeit bin ich allerdings auf ein Mellotron M4000D umgestiegen und verwende seitdem in fast jedem Stück Sounds aus dessen Klangspeicher.

Treffender als in deinem abschließenden Satz kann man es nicht auf den Punkt bringen!

Reply
Markus

Irgendwie haben mich die Mellotron Sounds nie „erreicht“. Aber ich konnte auch mit „Strawberry fields“ nichts anfangen 🙂 Es liegt ein wenig vor meiner Zeit. Davon losgelöst aber ein sehr schöner Bericht mit schönen Fotos! Stylisch ist das Teil ja. Übrigens ein sehr schönes Zitat aus dem Test:

„Ausgerechnet in Zeiten in denen Musikprodukte primär gratis zu sein haben, auf Knopfdruck aber den Millionen bringenden Nummer 1 Chart Erfolg liefern sollen – was bei einer wachsenden Zahl an illegalen Downloads nicht einer gewissen Komik entbehrt – “

Dies ist in der Tat eine treffende Zusammenfassung der heutigen Mentalität. Sehr schön formuliert!

Reply
petermmahr

Hallo Markus,

Bei mir hat es mit den Mellotronsounds sehr lange gedauert bis sie mich erreicht haben. Als ich mich dann ein wenig damit beschäftigt hatte, stellte ich fest in wie vielen Musikstücken sie Verwendung fanden und finden. Das hat mich dann zunächst zum Memotron und dann zum Mellotron M4000D geführt. In letzterem verwende ich vorwiegend aber nur zwei Sounds, die dafür in fast allen Songs. 🙂

Danke übrigens für das sehr erfreuliche Feedback, vor allem was die Textpassage betrifft!

Reply
Jürgen Brauckmann

Hallo Peter,
toller Bericht über ein tolles Instrument. Ich besitze übrigens das von Dir geschmähte Memotron Rack.
Ich konnte es zu einem sehr guten Preis erwerben und bin sehr zufrieden damit.
Im Test fiel mir auf, dass die ersten beiden Soundsamples bei mir nicht „stimmen“.
Im 1. Sample ist der Mix mit Rhodes. Das 2. Sample kann ich gar nicht aufrufen, der Rest ist wieder in Ordnung.
Gruß
Jürgen

Reply
    petermmahr

    Hallo Jürgen,

    Vielen Dank für Deine Worte, vor allem auch für den Hinweis. Leider gibt es immer wieder Probleme mit den mp3 files, weshalb ich begonnen habe diese auf meine SoundCloud hochzuladen und zu verlinken.

    Ich hoffe Deine Freude über das Memotron Rack nicht getrübt zu haben und wünsche Dir weiterhin viel Spaß damit.

    Beste Grüße,
    Peter

    Reply

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