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So ändern sich die Zeiten

26. Juni 2016 - Erfahrungsbericht, Taste
So ändern sich die Zeiten

Es muss in den frühen Achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts und somit wohl auch einer der letzten gemeinsamen Urlaube mit meinen Eltern gewesen sein. Kartitsch in Osttirol, Urlaub mit den Eltern, und dann noch in den Bergen? Wenn ich das selbst so lese… muss ich mehr schreiben?

Roland JP-8 Title? DSF1142

In ganz besonderer Erinnerung ist mir einer dieser Sommertage, der dazu diente mich in aller Herrgottsfrühe, lange vor dem Krähen der Hähne, aus den Federn zu schütteln. Als vermeintlich gemeinsames Ziel wurde der Aufstieg zum Obstanser See noch vor dem Sonnenaufgang ausgegeben. Der wiederum diente als Zwischenstation, die jedoch erreicht werden wollte ehe die ganz grosse Hitze über uns hereinbrechen würde. Meine Karotte wurde mit zwei Worten zusammengefasst „Lienz… Eis“, was in Anbetracht der Hitze nicht nur die richtige Menge an Wortspenden war, sondern auch inhaltlich den Nagel auf den Kopf traf. Man sollte nicht meinen wie fit Herren in den frühen Sechzigern sein können. Geistig und körperlich!

Was habe ich das damals alles so überhaupt nicht gemocht. Wobei meine Wortwahl bestimmt mehr in Richtung „gehasst“ gegangen ist. Und heute? Ein Leben ohne Berge? Nicht vorstellbar. Die Saat ist aufgegangen und die Rollen sind vertauscht. Nun stehe ich wenig euphorischen Gesichtern gegenüber, und muss mir mit einem Lächeln im Gesicht die verschiedenen mehr oder weniger originellen Ausreden anhören. Aber das ist eine andere Geschichte.

Frisch geduscht und eingewandet, den Aufstieg überstanden stand nun die Fahrt „runter“ nach Lienz an. Kaum angekommen habe ich mich auf den Weg in Richtung Eisgeschäft gemacht. Und genau entlang dieses Weges befand sich ein Musikgeschäft. Es war eines dieser damals typischen Geschäfte, die vom Akkordeon über Schlagzeug und Tuba bis hin zu Gitarren auch Synthesizer nicht nur verkauften, sondern antestbereit in den Schauräumen stehen hatten.

Bei der Auslage angekommen, wollte ich meinen Augen nicht trauen, da stand doch glatt in der Mitte und total provokant vor meiner Nase, der schönste Synthesizer. Dieser – so meine damalige Einschätzung – war das schönste jemals designte und entwickelte Instrument. Flach wie eine Flunder, Metallseitenteile, zuckerlbunte Drucktasten und wohl mit einem Sound, der einem das Tor in eine neue Welt öffnen sollte. Ich habe mir die Nase an der Scheibe platt gedrückt und konnte mich an Rolands Jupiter-8 nicht satt sehen.

Den Preis habe ich mit über 100.000 österreichischen Schilling in Erinnerung. So manches Auto war günstiger und so fand ich mich zwischen Atemnot und Frustration, mit einer Prise Glücksgefühle gefangen. Ein unsicherer Blick in Richtung meines Vaters und ein leise vorgetragenes „darf ich da mal rein?“ wurde mit einem zustimmenden Nicken quittiert. So stand ich als MS-20 Einfingerathlet vor dem Fachmann um schüchtern zu fragen „darf ich?“. Die folgenden Momente haben sich eingebrannt und seit dieser Zeit gibt es einen Synthesizer, den ich aus ganz vielen Gründen begehre wie keinen anderen, den Roland Jupiter-8.

Jupiter-8 HPF LPF VCA

Jahre später, nein über Jahrzehnte hinweg, habe ich versucht an ein Exemplar zu kommen. Aber ohne Erfolg. Meine letzte diesbezügliche Niederlage musste ich 2015 in Wien einstecken. Um nicht einmal 24 Stunden kam ich zu spät. Ein geschätzter Kollege war schneller und ist nun der stolze und glückliche Besitzer von Hatis JP-8. Grrrr…

Schnitt – wir schreiben das Jahr 2016, einer der wenigen sonnigen Tage in meiner neuen Heimat. Was liegt da näher als ein Besuch bei unseren Nachbarn. Ein unbeschwertes Plauscherl über Gott und die Welt. Irgendwie kamen wir dann auf das Thema Musik zu sprechen und mein Nachbar meinte in einem Nebensatz, dass er früher in der Technoszene ziemlich aktiv war und sein eigenes Studio hatte. „Aha“ dachte ich mir, „wie klein doch die Welt ist“ ohne mir der Tragweite dieses Gedankens bewusst zu sein. Denn kaum war meine Neugierde geweckt, landeten wir schon beim Equipment. Als mein Nachbar meinte er hätte sich von zwei Moog Modularsystemen und den Roland TRs schon vor Jahren getrennt, dachte ich mir… „gut, dass mich beides nicht wirklich interessiert… da wäre ich wohl wieder zu spät gekommen“. Das war der optimale Zeitpunkt um meinen nächsten Gedanken zu artikulieren und so hörte ich mich fragen „Und, hast Du noch irgendwas von damals?“. Mein freundliches Gegenüber erwiderte „Ja, einen Roland HS-80“ … der bei mir gleich einmal ein Stirnrunzeln auslöste, war mir doch entfallen, dass es sich dabei um den 106 mit Lautsprechern handelt… „und dann habe ich da noch ein paar Sachen, … ich muss direkt mal nachsehen“ .. „ach ja, da fällt mir ein den Jupiter-8, den habe ich noch. Kennst Du den?“. Mein wertgeschätzter Nachbar fand sich in diesem Moment im Verdacht mich provozieren zu wollen.. meine Ohren wurden gemutet und die grauen Zellen lachten mich mit der Feststellung aus, jahrelang hinter etwas hergejagt zu haben, das nun in unmittelbarer Nähe im Lager verstaut stand.

Wie erwähnt ist mein Nachbar ein äusserst freundlicher Zeitgenosse, was er mir gestern damit unter Beweis stellte, dass er den Jupiter-8 aus dem Lager geholt und zu mir gebracht hat. Was soll man da sagen? … wo ist der Lottoschein zum Ausfüllen? Ein Witz, oder?

Verständlicherweise konnte ich es kaum erwarten die alte Zeit auferstehen zu lassen und endlich diesen wunderschönen und toll klingenden Synthesizer spielen zu können… meinen Jugendtraum in die Gegenwart zu transferieren. Aber eigenartig, da stand ich nun, in gewisser Hinsicht mein Ziel erreicht habend und gleichzeitig von einem Keulenschlag an Leere getroffen. Es lag nicht am Jupiter, der zwar bestimmt schon bessere Tage gesehen hatte, sondern irgendetwas stimmte nicht an dieser Geschichte. War es am Ende gar nicht das Instrument, sondern das Erlebnis mit einem geliebten und geschätzten Menschen gemeinsam Zeit verbracht zu haben? Stand der Jupiter-8 womöglich symbolisch, als Bild einem Schalter gleich, der beim Betätigen etwas auslöst? So bin ich Jahrzehnte hinter etwas her gewesen von dem ich fälschlicherweise dachte es war das Stück meines Begehrens.

Roland Jupiter-8 schwarz titlev2

So ändern sich die Zeiten. Ein Kapitel wird geschlossen, ein neues begonnen.

 

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16 thoughts on “So ändern sich die Zeiten

Peter Kubelka

So eine schöne Geschichte! Du solltest als nächstes Werk nach Deiner wunderbaren CD auch ein Buch veröffentlichen…

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    Peter M Mahr

    Hallo Peter,

    Das freut mich wirklich ganz besonders Dich hier auf meinem Blog zu finden.

    Und natürlich ein ganz herzliches Dankeschön für Deine Worte.

    Liebe Grüsse in die alte Heimat,
    Pete

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Jörn

Ja, manchmal ist das so. Hatte ich gerade ganz ähnlich. Ich konnte mir plötzlich meine Wunschkamera (X100T) leisten und hab sie nicht gekauft. Es reichte plötzlich, das Geld zu haben. Die Kamera wollte ich nicht mehr. Seltsam irgendwie.

Ach ja … Berge. Dazu muss ich dir nachher noch mal schreiben. Direkt.

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    Peter M Mahr

    Der Jupiter war ein Jugendtraum und das Einprägsame für mich war offenbar nicht das Instrument selbst, wie ich all die Jahre dachte, sondern das Erlebnis in dem es vorkam.

    Peter

    Reply
Monika

Eine sehr schöne Geschichte. Dankeschön!

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    Peter M Mahr

    Danke Moni!

    Liebe Grüsse,
    Pete

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Christine Seibert

Hallo Peter,

obwohl ich von der Materie nichts verstehe, hat mich diese Geschichte sehr berührt, vor allem weil sie so wunderbar geschrieben war.(Musst einen guten Deutschlehrer gehabt haben). Schreibe weiter!!!
Ganz liebe Grüße aus Wien

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    Peter M Mahr

    Liebe Christine,

    Vielen Dank für Deine lieben Worte und vor allem den Lacher, den Dein Kommentar bei Fiona und mir ausgelöst hat.

    Ganz liebe Grüsse nach Wien,
    Peter

    Reply
Werner

Der Traum, der Wunsch driftet weg von der Realität, erzeugt Vorstellungen und Erwartungen, die sich über Jahre steigern. Mit dessen Erfüllung holt einen die Realität ein und biegt das Empfinden gnadenlos in die reale Dimension. Wem ist dies nicht auch schon so ergangen? Um die beschriebene Leere zu füllen braucht es neue Träume/Wünsche. Da wird es sicherlich wieder welche geben.

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    Peter M Mahr

    Die gibt es in der Tat immer. 🙂

    Schönen Abend,
    Peter

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Ernst Hefter

Eigentlich eine schöne Erfahrung die wohl auch das älter werden mit sich bringt
Und:
An was Du dich erinnern kannst!
Lg, Ernst

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    Peter M Mahr

    In der Tat. Letztendlich eine schöne Erfahrung.

    Und was das Erinnern betrifft, ich fürchte der Schein trügt. Ein Freund im Gymnasium beschrieb es so, Du musst Dir ein Rohr mit Glasmurmeln gefüllt vorstellen, schiebst Du an einem Ende eine nach, fällt am anderen eine raus. Daran glaube ich. Mehr als 40MB werden es wohl leider nicht sein. So gesehen kann das Schreiben hier Abhilfe leisten.

    Liebe Grüsse,
    Pete

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Axel Roeb

Sehr schöne Erzählung, mir fällt da nur noch, in den Spiegel schauend, der Satz ein: Das Hemd der Zufriedenheit kann man nicht kaufen!

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    Peter M Mahr

    Wie wahr, wie wahr.

    Liebe Grüsse,
    Peter

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Rüdiger

Das ist also die Geschichte mit dem 35 Jahre alten Traum. Wirklich wunderbar geschrieben, vor allem deine Jugenderinnerungen. Diese Geschichte sollten alle Sammler von alten Ikonen Synthesizern lesen und zum Nachdenken bringen, warum man sich die Geräte wirklich anschafft.

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    Peter M Mahr

    Danke Rüdiger.

    Liebe Grüsse,
    Peter

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